Der Künstler Franz Markau
Ein Farbenkünstler mit dem Signum der fleißigen Hand
Franz Markaus letztes Wandbild „Musik“ gestohlen Prof. Dr. Peter Arlt
 
Ein Bild ist verschwunden. Ein Gemälde von etwa drei mal acht Meter Größe, auf Leinwand gemalt und befestigt an einer Wand im alten Mensagebäude der einstigen Pädagogischen Hochschule Erfurt, Nordhäuser Straße 63. Es ist weg, und niemand hat etwas bemerkt.
 
Das verschwundene Bild ist für die neuere Thüringer Kunstgeschichte bedeutsam. Erstens hinsichtlich der Stellung, die das Bild im Werk des Künstlers einnimmt, zweitens wegen dessen allegorischen Gehaltes und seiner geistigen Beziehungen und drittens in bezug auf sein Schicksal als kunstpolitischer Ausdruck.
 
Das Bild „Musik" stammt von der Hand Franz Markaus, der zum Zeitpunkt der Fertigstellung (1958) 77 Jahre alt war und hier für den Musiksaal des Pädagogischen Instituts sein letztes Wandbild schuf.
 
Markau, ein 1881 im Berliner Osten geborenes „Kellerkind", erhielt nach einer Anstreicherlehre an verschiedenen Kunstschulen Berlins, schließlich an der Preußischen Akademie der Künste bei Bruno Paul und Max Koch seine Ausbildung. Erfolgreich stellt er in der Akademie, auf der Berliner Sezession und Großen Berliner Kunstausstellung aus und verkauft an Museen, die Akademie, auch an Persönlichkeiten, wie Walther Rathenau. 1926 folgt er einem Ruf nach Erfurt an die Kunstgewerbeschule, den „Hügel", wo er als Professor 19 Jahre bis 1945 die Abteilung Wandmalerei leitete. Einer seiner bekanntesten Schüler war Otto Knöpfer, der Markau in gewisser Weise im Amt nachfolgte und ihn als „einzigartigen Farbenkünstler" würdigte. Er war es auch, der Markau bei dem jetzt verschollenen Wandbild behilflich war.
 
Das Gemälde „Musik" wurde am 02.12.1958 in das Investitionsverzeichnis des Pädagogischen Instituts Erfurt unter der Nummer 8940 eingetragen (Bildwerk/Prof. Markau 8.129,60) und noch einmal am 22.10.1959 (9726 Prof. Markau - Bild l .870,40 z. Nr. 8940), vermutlich für letzte Ausführungen und die Anbringung.
 
Das Sujet verknüpft musizierende Kinder mit einem tänzerischem Reigen, aus dem ein schöner weiblicher Rückenakt als Bildzentrum herausragt, einem innig verbundenen Paar und zwei kontemplativen Solofiguren. Es sind zeitlos wirkende Motive, die sich zu einer Allegorie der Musik, des Musizierens und der froh und nachdenklich stimmenden Wirkungen der Musik vereinen. Die Figuren entfalten sich flächig in die Bildbreite und sind stark abstrahiert, in der Farbpalette stehen sich blau-grün-graue Töne und lila-rötliche gegenüber.
 
Wer dieses Bild aus der Zeit der 50er und frühen 60er Jahre heraus betrachtet, dürfte sich wundern. Von der „Transmissions"- Mechanik zwischen Ideologie und Praxis keine Spur, nichts von jener „Lebensnahe", die von der Bitterfelder Konferenz 1957 gefordert wurde, ebenso kein abbildhafter unmittelbarer Realismus.
 
Überdies ließ die pastellhafte Farbigkeit wie der beruhigende Bildtopos den geistigen Hintergrund erahnen: die anthroposophische Geisteswelt der Lehre Steiners, mit Kunst eine heilende, harmonisierende Wirkung hervorzurufen. Vor allem die von einem gelben Kontur, wie von Lieht umflossenen Gestalten sind von Interesse. Aus authentischer Kenntnis der Intention Markaus schrieb Elisabeth Voss in ihrer Gedenkschrift, Markau habe „eine reale Geistberührung mit der verstorbenen Individualität (seines im Krieg gefallenen Sohnes)" als „von einem milden Licht (umglänzte)" Gestalt erfahren. Dem folgend, liegt die Überlegung nahe, daß in dem Gemälde für den Künstler die Wiederbegegnung mit dem Sohne Vision ward, ersieh im Sinne der Anthroposophie in eine übersinnliche Kontemplation über Tod, Hoffnung auf Wiedergeburt begeben hat. Als Markau das Bild malte, las er die Vorträge Steiners „Über das Wesen der Farben*' von 1921. Vielleicht frischte er deren Kenntnis nur auf, denn schon als junger Künstler begegnete er in Berlin Steiner persönlich und in der Anthroposophischen Gesellschaft, deren Mitglied Markau war. Auch in Thüringen war er mit dem anthroposophischen Pfarrer Dr. Voss von der sogenannten Christengemeinschaft befreundet.
 
Natürlich wurde das Bild „Musik'* von Markau ein „Fall" für die „Formalismus"-Debatte. Die Stadtverordnetenversammlung von Erfurt diskutierte darüber und veranlaßte die Überspannung des Wandbildes mit einem weißen Tuch (vgl. Ruth Menzel „Franz Markau - Ein Künstler in Thüringen", in: Hessische Heimatzeitschrift für Kunst, Kultur, Denkmalpflege, 4/1992). In diesem Zustand habe ich es auch noch kennen gelernt und weiß, daß gegen Mitte oder Ende der 70er Jahre, in der Zeit der kunstpolitischen Öffnung zu „Weite und Vielfalt", die Hülle fiel und das Bild die Studenten und Mitarbeiter erfreuen konnte, sofern sie sich darauf einließen.
 
Ab April 1999 wurden die Räumlichkeiten der Alten Mensa im Hinblick auf den Umzug der Universitätsleitung stark verändert. In die Umbaumaßnahmen waren die Mitarbeiter des Institutes für Kunst in keiner Weise einbezogen und erfuhren auch nichts über die Vorgänge, die das Markau- Bild betrafen. Im September 1999 suchte ich die Alte Mensa auf, um mir die Rekonstruktion des Gebäudes, die neue Raumstruktur und die neuen Bilder, von denen ich gehört hatte, anzusehen. Natürlich wollte ich auch sehen, welchen neuen Platz das Bild Markaus gefunden hat. Doch ich fand es nicht. Und keiner ringsum wußte, wo es geblieben war. Selbst der Leiter der Abteilung Innere Verwaltung, Bau, Liegenschaften, Herr Cohrs, wußte nichts vom Verbleib des Bildes. Seine Vermutung, daß das Bild zerschreddert worden sein könnte, teilt die vom Kanzler Henkel-Ernst eingeschaltete Staats-anwaltschaft nicht. Sie hat zwar bisher ergebnislos ermittelt, geht aber von „schwerem Diebstahl" aus.
 
Der Zeitraum des Verschwindens des Bildes liegt zwischen Januar und April 1999, also vor dem Umzug der Universität auf den Campus. Trotz nachdrücklicher Anfrage in der Hochschulzeitung „Campus", 3/2000, hatte keiner etwas zum Verschwinden oder absichtsvoll das herrschende Kunsturteil über die Wertlosigkeit der Kunst der DDR mit der Kritik des Schredderwerks vollzogen? Oder war da jemand gar nicht so dumm, und hat sich gesagt, das läßt sich versilbern? Oder empfand jemand, daß ein Bildausschnitt an eine seiner Wände paßt?
 
Es wäre fatal, bliebe es bei dem derzeitigen Resümee: In der DDR in Auftrag gegeben, kaltgestellt, dann zur Wirkung gebracht, und im vereinten Deutschland so oder so ignoriert, beseitigt, angeeignet. Ein ostdeutsches Schicksal?
 
 
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